Wald

castle

Das Meer ist schwer zu übertreffen, aber der Wald ist nah dran. Vielleicht sogar gleichauf. Ich liebe den Wald, und ich bin fest davon überzeugt, dass er heilsam ist. Die Farben, die Luft, der Geruch. Umso seltsamer ist meine fast schon lächerliche Angst im Wald bei Nacht. Als ich neulich nach einer Veranstaltung um ein Uhr nachts bei schönstem Vollmond nachhause ging, bin ich vor lauter Schiss fast verrückt geworden. Und dabei ist der Wald rund um Wolf Castle eher klein.

thayatal

Dagegen ist der Wald im Nationalpark Thayatal riesig. Ein echter Märchenwald mit Schluchten und reißendem Fluss. Und Todeszone auf tschechischer Seite. Ich stelle mir vor, wie es gewesen sein muss, mit dieser ganz realen Todesangst “rübermachen” zu wollen. Oder jahrelang in einer der Höhlen am Flussufer zu leben, wie der berühmte Einsiedler.

Was ist schlimmer – begründete Angst, oder die, die nur im Kopf existiert? Ich glaube, letztere. Aber wahrscheinlich variiert das, je nachdem wieviel Gruselfantasie man hat. Mir reicht ein Besuch in der Wildkammer (riesige Hirsche hängen von der Decke, am Boden neben ihnen ihre Köpfe mit trüben Augen und so tollem Geweih, dass es einem die Tränen in die Augen treibt), um zweibeinige Hirschgeister durch den nächtlichen Wald springen zu sehen, natürlich wütend und nach Rache an den grausamen Menschen sinnend.

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Die Höhle des Einsiedlers
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Die Geschichte des Einsiedlers

Überhaupt, Geister. Wider Erwarten scheint es im alten Forsthaus, in dem die Studenten schlafen und in dem sich auch das Büro befindet, viel mehr zu spuken als zum Beispiel im Schloss. Den Schlossgeist hat eine der Trainerinnen auf der Fahrt ins Thayatal entzaubert. Die Gespenster im Forsthaus dagegen halten sich, und ich beginne die “Villa” als eine Art Mini-Hogwarts zu betrachten. Unnötig zu sagen, dass ich niemals dort übernachten werde. Eher spaziere ich wieder bei Vollmond am Waldfriedhof vorbei.

Angekommen

huehnerhaus

Fast zwei Monate bin ich nun schon hier, aber es ist immer noch ein bisschen unwirklich. Die letzten Jahre waren eine Farce, eine richtige Pechsträhne. Und nun bin ich plötzlich an genau dem Ort, an den ich unbedingt wollte.

Ich vermisse die Stadt kein bisschen, obwohl es hier schwer ist, vermeintlich alltägliches zu bekommen. Möbel vor allem. Ohne Auto ist man aufgeschmissen. Ich werde mir wieder eines anschaffen müssen. Oder ich melde mich beim lokalen Elektroautosharing an.

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Eigentlich fehlt mir Moment aber die Hirnkapazität und vor allem die Zeit, um größere Entscheidungen zu treffen. Als erstes muss ich eine Strategie entwickeln, diese Wahnsinnsmengen Arbeit in den Griff zu bekommen, und vor allem den “Frustfaktor” des Daseins als Sisyphus. Dennoch bin ich interessanterweise zufriedener mit dem Job als in den 15 Jahren als Freelancer. Ein bisschen Sorge, dass ich die Abkehr von der Selbstständigkeit bereuen werde,  habe ich immer noch. Aber so ein regelmäßiges Gehalt kommt mir gerade wie das Paradies vor.

walk

Überhaupt, das Paradies. Der Weg zur Arbeit ist himmlisch. Ich liebe es, am Schloss vorbei zu gehen und dabei das Morgengeheul der Wölfe zu hören. Im Winter werde ich mich garantiert zu Tode gruseln, weil genau an der Stelle auch der kleine Waldfriedhof liegt. Vielleicht werde ich dann doch lieber durchs Feld gehen, ich Feigling.

reuss